Nach dem Eintrag über Planen heute das Gegenteil: wie kreiert man etwas, das unmöglich zu planen ist?
Etwas, das mich bisher immer abgeschreckt hat, war das Konzept, das Hauptcharaktere ihr Leben (selbst) entwickeln müssen. Man hat einfach so wenig Einfluss darauf. Klar, man überlegt sich die Kindheit und prägende Ereignisse der Person, aber ein Leben ist nun einmal so komplex, dass es unmöglich ist, es auch nur ansatzweise durchzuplanen. Das selbe gilt natürlich gleich doppelt für zwei Personen, die sich seit Jahren kennen. Solche Beziehungen können viel zu komplex werden, als dass man von vorne herein mehr als einen groben Überblick haben könnte.
Was also tun? Drauf los schreiben und hoffen, dass es sich richtig entwickelt. Ja, doch das ist ein bißchen, wie ein Trapezkunststück ohne Netz. Irrt man sich, ist das Projekt gestorben. Also will man seine Chancen, dieses Kunststück zu bewerkstelligen, vergrößern. Und dazu habe ich ein paar Hinweise.
Das erste, was nur hilfreich sein kann, ist: soviel Zeit wie möglich damit zu verbringen, alle möglichen Gespräche durchzuspielen, die diese Person(en untereinander) hatte(n). Im Kopf oder niedergeschrieben. Wenn man kein Gesprächsthema findet, stimmt schon mal etwas nicht. Es muss zeitlich nicht einmal in den Rahmen des Buches passen. Im Gegenteil: eine Debatte, die sich Jahre vor dem Anfang des Projektes abgespielt hat, ist ebenso sinnvoll. So sieht man, was sich geändert hat - oder trotz all den Jahren gleich blieb.
Des weiteren sollte man sich bei jeder Person eines einzeln klar machen: Menschen (und alle anderen, intelligenten Wesen, wie ich denke) handeln auf den ersten Blick nicht umbedingt logisch. Und auf den zweiten manchmal auch nicht. Und tiefer sieht man oftmals nicht in einem Buch. Natürlich gibt es auf unterstem Level irgendwo eine rationale Erklärung für eine unlogisch erscheinende Handlung, aber mehr als erahnen, dass sie da ist, muss der Leser nicht. Das sollten natürlich nicht überhand nehmen, doch es hilft, flexibel zu bleiben und Charaktere nicht ausversehen auf geradlinige Schienen zu stellen.
Der Rest ergibt sich dann praktisch von selbst. Wenn auch oft anders, als man erwartete. Aber das ist in Ordnung, wenn man flexibel bleibt und sich einfach einen neuen Grund überlegt, warum sich die Person in eine andere Richtung entwickelt, als man plante. Unser Gehirn trifft andauernd Entscheidungen, und rationalisiert sie erst ein paar Sekundenbruchteile später. Warum sollte das nicht auch im Schreiben funktionieren?

April 2009
März 2009